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Violoncello - Geschichte

Eine Babylonische Sprachverwirrung

Wie aus einem Violone ein Cello wurde

Zwischen 1520 und 1550 entwickelten sich in Oberitalien aus der viola da braccio die Instrumente der Violinfamilie. Von Anfang an existierten Bassinstrumente der Violinfamilie in verschiedenen Größen und Stimmungen, für die es unterschiedliche Bezeichnungen gab: basso di viola da braccio oder basso da braccio (kommt um 1600 in Italien vor), basse de violon (in Frankreich), bass violin (in England), groß Geigen und klein Geigen oder polische Geigen in deutschsprachigen Ländern des 16. Jahrhunderts, Groß Quint-Baß im 17. Jahrhundert. In Italien verbreitete sich im 17. Jahrhundert der Terminus Violone als Sammelbegriff für alle großen Streichinstrumente (zusammengesetzt aus dem Stammwort Viola und der Endung one, was soviel bedeutet wie große Viola). Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bezeichnete Violone die Bassinstrumente sowohl der Gamben- als auch der Violinfamilie und erst ab der Mitte des Jahrhunderts die Bassinstrumente der Violinfamilie.

Die heutige Bezeichnung Violoncello findet sich zum ersten Mal in den 12 Triosonaten op.4 des italienischen Komponisten Giulio Cesare Arresti im Jahre 1665, zu einer Zeit also, da es das Violoncello eigentlich schon gab. Anfangs wurde das Violoncello auch Violoncino genannt. Beiden Begriffen gemeinsam ist ein Paradoxon: dass nämlich zur Vergrößerungsform (Violone = Großviola) eine Verkleinerungsform (cello/cino) hinzugefügt wurde. Violoncello heißt also wörtlich übersetzt nichts Anderes als „kleine Großviola“. Trotz dieses Paradoxons hat sich die italienische Bezeichnung nach 1700 im europäischen Raum ausgebreitet und wurde allgemein üblich. Im deutschsprachigen Raum waren die Bezeichnungen Bassett oder Bassel vereinzelt in Verwendung. Die heute in englisch- und deutschsprachigen Ländern verbreitete Abkürzung Cello sollte angesichts des geschilderten Begriffsmarathons nicht weiter verwundern.

Der große und der kleine Bass

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als sich aus der viola da braccio die Violinfamilie entwickelte, wurden Instrumente in drei Stimmlagen gebaut: in der Diskantlage (Sopranlage), Alt/Tenorlage und in der Basslage. Die ersten Violoncellobauer waren die bekannten Violinbaumeister: Andrea Amati (1581–1632), Gasparo da Salò (1549–1609), Paolo Maggini (1581–1632). Ihre Instrumente waren mit 80 cm Korpuslänge größer als die modernen Standardinstrumente.

Vermutlich waren die ersten Bassinstrumente der Violinfamilie keine dreisaitigen, sondern viersaitige Instrumente. Überliefert sind viele Stimmungen, wovon hauptsächlich zwei über einen längeren Zeitraum üblich waren. Die erste ist eine Stimmung auf B1, F, c, g (einen Ganzton tiefer als heute), die in Frankreich und England bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts beibehalten wurde. Diese Stimmung ist  eine Fortsetzung der Quintstimmung der Violine und der Viola in die Basslage, wodurch alle Saiten der Streichinstrumente in Quinten durchgestimmt waren: e2, a1, d1, g, c, F, B1. Diese Stimmung erforderte relativ große Instrumente, die dort gebraucht wurden, wo das Violoncello das alleinige Bassinstrument war, also ohne Unterstützung des Kontrabasses auskommen musste. Wegen des Zusammenspiels erwies sich eine zweite Art der Stimmung als günstiger: Das Violoncello (Bassinstrument) wurde eine Oktave tiefer als die Viola (Alt-/Tenorinstrument) gestimmt. So entstand die bis heute verwendete C–G–d–a-Stimmung, die im deutschen Raum schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts üblich gewesen sein dürfte.

Michael Praetorius beschreibt in seinem Syntagma Musicum (1619) ein sehr kleines Instrument mit folgender Stimmung: F, c, g, d1.

Vor 1700 gab es vor allem zwei Baugrößen, die den oben beschriebenen Stimmungen entsprachen: Das größere Bassinstrument hatte etwa eine Korpuslänge von 80 cm, war oben 37 cm und unten 47 cm breit. Die Höhe der Zargen betrug zwischen 11 und 13 cm. Das kleinere Bassinstrument war um die 74 cm lang und entsprechend enger gebaut.

Erst durch die Erfindung von mit Metall umwickelten Saiten war es möglich, kürzere Instrumente zu bauen: Die Verkürzung der Saiten wurde durch ein vergrößertes Saitenvolumen ausgeglichen. Dadurch ging die Klangqualität nicht verloren.

Die großen Instrumente wurden oft im Stehen gespielt oder umgehängt (bei Prozessionen). Sie dienten wegen der größeren Klangstärke als Ripieno-Instrumente. Die kleineren Instrumente kamen vor allem für solistische Zwecke zum Einsatz.

Eine Besonderheit des frühen Violoncellobaus sei noch erwähnt, das sogenannte „Verschneiden“, d.h. das Verkleinern von großen Instrumenten auf Dimensionen, die bis heute üblich sind: Der Korpus wurde oben und unten abgeschnitten und verkürzt, die Ober- und Unterbügel verschmälert, die Zargen flacher gemacht. Durch diese brutal anmutenden Änderungen, die etwa von 1700–1710 erfolgten, haben offensichtlich keine vor der Mitte des 17. Jahrhunderts entstandenen Instrumente im originalen (= großen) Zustand überlebt. Doch diese „Maßnahme“ am Vorabend der Normierung sollte nicht die einzige in der Geschichte des Violoncellos gewesen sein.

Stradivari setzt die Norm

Wieder ist es der große Antonio Stradivari (1644–1737), der Maßstäbe setzt. Hatte er vor 1710 selbst noch größere Modelle (80 cm) gebaut, so entschied er sich ab diesem Zeitpunkt für Instrumente mit den folgenden Maßen: 75–76 cm Korpuslänge, oben 34–35 cm und unten 44 cm breit, Zargenhöhe 11,5 cm. Spätere und auch heutige Instrumentenbauer hielten sich an diese Maße und Proportionen.

Diese neuen Maße bildeten auch die Grundlage für die Ausbildung von solistischen Spieltechniken auf dem Violoncello, als deren wichtigster Begründer Luigi Boccherini (1743–1805) gelten kann. Cello-Virtuose und Komponist, entwickelte er die Spieltechniken weiter: gesteigerte Verwendung des Tremolo, Flageolettspiel, Spiel sul ponticello, Ausweitung des melodischen Spiels auf die hohen Lagen. Boccherini war einer der ersten, der das Cello nicht mehr nur als Bassinstrument, sondern als gleichberechtigte „Stimme“ behandelte. Er war es auch, der die 2. Violine und die Bratsche zunehmend mit melodischen Aufgaben betraute, so dass er auch als einer der Wegbereiter des typischen klassischen Quartett- oder Quintettsatzes gelten kann.

Die zweite „Maßnahme“

Aufgrund sozialer und politischer Umwälzungen vor der Jahrhundertwende (Französische Revolution) sowie technischer Modernisierungen gab es auch grundlegende Veränderungen im Musikleben dieser Zeit. Das Bürgertum trat als Träger musikalischer Veranstaltungen an die Stelle der Aristokraten, was eine Veränderung des Publikums nach sich zog. Das Konzertleben entfaltete sich in immer größeren Räumen vor einem wachsenden Massenpublikum. Die Figur des fahrenden Virtuosen entstand. Diese neuen Gegebenheiten zogen eine hörbare Veränderung des Klangkonzeptes nach sich: Ein stärkerer und brillanterer Klang war gefragt.

Dies wurde mit folgenden bautechnischen Veränderungen erzielt, die ab 1800 einsetzten und in gleicher Weise alle Instrumente der Violinfamilie betrafen: Der Steg wurde dünner und erhöht, um den Saitendruck – und damit die Lautstärke – zu steigern. Die Saiten wurden dünner und deren Spannung erhöht. Dadurch wurde der Ton klarer und sprach leichter an. Der Hals wurde zurückgelehnt. Gleichzeitig wurden Hals und Griffbrett verlängert. Um den verstärkten Saitendruck auf die Decke abzufangen, wurden auch der Bassbalken und der Stimmstock verstärkt.

Hatten die alten Instrumente einen zarten, transparenten und obertonreichen Klang, so klangen die neuen voll und glänzend.

Die schwingende Saite war selbst bei den großen alten Violoncelli um ca. 2 cm kürzer als bei den kleineren Instrumenten heute, da im Zuge der oben beschriebenen „Baureformen“ der Hals verlängert wurde.

Weiterreichende bautechnische Entwicklungen gab es bis heute nicht mehr.

Sonderformen

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es die sogenannte Viola pomposa, ein fünfsaitiges Instrument mit einer C–G–d–a–e1- Stimmung. Dieses Instrument wurde wahrscheinlich in Armhaltung gespielt.

Eine zweite Sonderform war das Violoncello piccolo, ebenfalls mit einer 5. Saite auf e1. Es wird vermutet, dass J. S. Bach seine 6. Cellosuite (BWV 1012) für dieses Instrument, das zwischen den Beinen gehalten wurde, geschrieben haben könnte.

Das Arpeggione, auch Guitarre-Violoncell genannt, war ein wie ein Violoncello zu spielendes gitarrenförmiges Instrument mit länglichen Schallöffnungen, sechs Saiten in Gitarrenstimmung (E, A, D, g, h, e1) und 24 Bünden. Franz Schubert (1797–1828) schrieb die berühmte Sonate für Arpeggione und Klavier a-Moll D 821 für dieses Instrument.